Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Herr, du siehst unsere Sehnsucht und unseren Durst. Kyrie eleison. Christus, du trägst das Kreuz mit uns in den schwersten Stunden. Christe eleison. Herr, du schenkst uns das Wasser des ewigen Lebens. Kyrie eleison.
Wenn man in diesen späten Augusttagen über die Felder geht, kann man es sehen. Die Erde ist rissig geworden. Unter der heißen Sommersonne zieht sich der Boden zusammen, er bricht auf in kleine, tiefe Spalten, die wie stumme, geöffnete Münder zum Himmel zeigen. Staub wirbelt auf bei jedem Schritt. Wenn man eine Handvoll dieser Erde aufhebt, zerrinnt sie einfach zwischen den Fingern. Sie hat keine Kraft mehr, nichts zu halten. Sie ist trocken. Sie lechzt. Sie wartet.
Dieses Bild der rissigen, staubigen Erde ist kein schönes Bild. Es ist ein Bild des Mangels, des Wartens, des ungestillten Verlangens. Und doch ist es genau das Bild, das uns der Psalmist heute schenkt: „Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“
Dieses dürre Land soll der rote Faden sein, der uns heute durch die Heilige Schrift führt. Denn dieser Durst, diese Trockenheit, ist nicht nur eine Sache der Natur. Es ist die tiefste Beschreibung dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein in einer unvollkommenen, verwundeten Welt. Es ist der Durst nach Halt, der Durst nach Sinn, der Durst nach einer Liebe, die nicht aufhört, wenn der Atem geht.
Wir müssen diesen Durst spüren, wir müssen dieses rissige Land in uns selbst betrachten, bevor wir überhaupt wagen können, von Trost zu sprechen.
In der ersten Lesung hören wir den Propheten Jeremia schreien. Und es ist ein Schrei, der uns erschrecken lässt. Jeremia klagt Gott an. Er sagt nicht: „Danke, Herr, für deine Führung.“ Er sagt: „Du hast mich betört, o HERR, und ich habe mich betören lassen; du warst zu stark für mich und hast gesiegt.“
Das ist kein zahmes, frommes Gebet. Das ist die nackte, schmerzhafte Wahrheit eines Mannes, der sich vom Leben und von Gott überwältigt fühlt. Jeremia fühlt sich wie diese rissige Erde – ausgebrannt, verspottet, am Ende seiner Kräfte. Er versucht, stumm zu bleiben. Er nimmt sich vor: „Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen.“ Er will sein Herz verschließen, um sich vor weiterem Schmerz zu schützen.
Aber es gelingt ihm nicht. „Da war es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Knochen.“
…
Liebe Gemeinde, liebe Thao, lieber Alan, und lieber Ryan.
Wir müssen die Wahrheit sagen, bevor wir trösten können. Und die Wahrheit ist, dass ihr euch in den letzten zwei Monaten oft genau so gefühlt habt wie Jeremia. Und wie diese rissige Erde.
Es ist nun fast genau zwei Monate her seit jenem Samstag, dem 13. Juni 2026. Zwei Monate. Das sind etwa sechzig Tage, in denen die Welt da draußen sich einfach weitergedreht hat. Die Menschen gehen einkaufen, sie planen ihre Urlaube, sie lachen auf den Straßen. Aber für euch ist die Zeit an diesem Tag im Juni stehengeblieben.
Der erste Schock, der wie ein betäubender Nebel wirkt, weicht nun langsam einer tiefen, unerbittlichen Stille. Es ist die Zeit, in der die Besuche seltener werden, in der das Telefon nicht mehr so oft klingelt. Und in dieser Stille wird das Fehlen von Benjamin Vo zu einer physischen Last.
Der leere Stuhl im Zimmer. Die unberührten Sachen. Das Wissen, dass seine Stimme, sein feines Gekicher, seine Schritte nicht mehr durch das Haus hallen. Das ist das rissige, durstige Land eurer Seele. Es ist ein Schmerz, der so tief in den Knochen sitzt wie das Feuer bei Jeremia. Man kann ihn nicht einfach wegerklären. Man kann ihn nicht mit billigen Trostpflastern überkleben. Es tut weh. Es brennt. Und es ist zutiefst ehrlich, diesen Schmerz heute vor Gott hinzuschreien.
Ihr leidet unendlich schwer. Und wir sind heute hier, um diese Trockenheit mit euch zu teilen, um eure rissige Erde vor den Altar Gottes zu legen.
Und genau in diese schwere, staubige Realität hinein geschieht der Wendepunkt des heutigen Evangeliums.
Jesus beginnt seinen Jüngern zu erklären, dass er nach Jerusalem gehen muss. Und er spricht nicht von einem Triumphzug. Er spricht vom Leiden. Er spricht vom Kreuz. Er spricht vom Tod.
Und was tut Petrus? Er tut genau das, was wir alle tun wollen. Er nimmt Jesus beiseite. Er will ihn schützen. Er sagt: „Das verhüte Gott, Herr! Das darf dir auf keinen Fall zustoßen!“ Es ist der verständliche, zutiefst menschliche Schrei der Liebe, die den Schmerz nicht ertragen kann. Es ist der Schrei, den auch ihr, Alan und Thao, in den Himmel gerufen habt: „Das darf nicht sein! Nicht unser Junge! Nicht Benjamin!“
Aber Jesus wendet sich um und sagt diese harten Worte zu Petrus: „Zieh dich zurück, hinter mich, Satan! … denn du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“
Warum reagiert Jesus so scharf? Nicht, weil er Petrus nicht liebt. Sondern weil Jesus weiß, dass man der Dunkelheit dieser Welt nicht ausweichen kann, indem man sie leugnet. Der Weg zum Leben führt nicht am Kreuz vorbei, sondern mitten hindurch. „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“
Das ist das Paradoxon unseres Glaubens. Gott rettet uns nicht *vor* dem Leiden, sondern *im* Leiden. Er geht mit uns in die rissige Erde hinein. Er weicht dem Staub und dem Schmerz nicht aus.
Wenn wir auf das Leben von Benjamin schauen, dann sehen wir einen Jungen, der in seinen fünfzehn Jahren ein unendlich schönes, klares Licht in diese Welt gebracht hat. Er war ein Junge von außergewöhnlicher Intelligenz, eine wahre „Fotokopie“ seines Vaters, mit einem Verstand, der so scharf war wie ein Diamant. Er verstand komplexe Systeme, er programmierte eigene Anwendungen auf GitHub, er dachte über künstliche Intelligenz nach.
Aber seine wahre Schönheit lag nicht in seiner Brillanz. Sie lag in seiner unschuldigen, reinen Freude.
Erinnern wir uns heute an eine ganz bestimmte, wunderbare Facette von Benjamin, die uns allen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ben hatte eine tiefe, fast poetische Leidenschaft für Vögel und Flugzeuge. Er schaute nach oben. Während unsere Augen oft auf den staubigen Boden gerichtet sind, blickte Benjamin in den Himmel. Und er hatte diesen Traum, eine eigene Fluggesellschaft zu gründen. Er nannte sie „Con Chim Airlines“ – die Vogel-Airlines.
Wenn er von „Con Chim Airlines“ sprach, dann fing er an zu kichern, seine Augen leuchteten, und ein breites, unbeschwertes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Es war ein Moment reiner, ungetrübter Freude. Ein Moment, in dem die Schwere der Erde keine Rolle mehr spielte. Dieses Kichern, dieses unbeschwerte Lachen über seine „Vogel-Fluglinie“ – das war Benjamin Vo in seiner reinsten Form. Ein Junge, dessen Seele Flügel hatte, noch bevor er diese Erde verließ.
Er wollte fliegen. Er wollte über die Grenzen des Irdischen hinaus.
Und heute, da wir hier sitzen und der Durst uns die Kehle zuschnürt, dürfen wir glauben, dass Benjamin diese Flügel nun wirklich bekommen hat. Er ist nicht mehr gefangen in den Grenzen eines Körpers, der müde und krank wurde. Er fliegt nun in jenen unendlichen Höhen, von denen er immer geträumt hat. Er hat sein Leben nicht verloren; er hat es in Gott gefunden.
Liebe Thao, lieber Alan,
ich weiß, dass in diesen zwei Monaten der Trauer ein ganz furchtbarer, schleichender Gedanke an euren Herzen genagt haben mag. Es ist ein Gedanke, den fast alle Eltern tragen, die ihr Kind hergeben mussten. Es ist die quälende Frage in den schlaflosen Nächten: „Haben wir etwas falsch gemacht? Haben wir ein Symptom übersehen? Hätten wir schneller sein müssen? Sind wir irgendwie schuld?“
Es ist die unerträgliche Last einer Schuld, die ihr euch selbst auferlegt, weil das Herz nach einer Erklärung sucht, wo es keine menschliche Erklärung gibt.
Hört mir heute gut zu. Hört, was Jesus im Evangelium sagt, als er nach der Ursache des Leidens gefragt wird: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.“
Krankheit und der frühe Tod eines Kindes sind niemals, niemals eine Strafe Gottes. Sie sind kein Zeichen dafür, dass ihr versagt habt. Ihr habt Benjamin eine Liebe geschenkt, die so tief, so rein und so schützend war, wie es Menschen nur möglich ist. Ihr habt mit ihm die Welt bereist, ihr habt seine Träume von Flugzeugen geteilt, ihr habt an seinem Bett gewacht. Ihr habt nichts übersehen. Ihr hättet diesen Sturm nicht aufhalten können. Er kam jenseits aller menschlichen Kontrolle.
Ich möchte euch heute diesen schweren, dunklen Stein der Selbstanklage vom Herzen nehmen. Legt ihn ab. Gott klagt euch nicht auf. Er sieht eure Tränen der Liebe, und er segnet sie. Ihr seid völlig frei von Schuld. Eure einzige Aufgabe ist es nun, diesen geliebten Jungen im Herzen zu tragen und den Weg des Lebens weiterzugehen – für ihn, und mit ihm.
Und Benjamin ist euch nahe. Er hat es dir, Alan, in jenem Traum am 25. Juni gezeigt, als er so gesund und stark vor dir stand, ohne Hemd, in seinen grünen Shorts vor dem Zimmer 419. Er sagte zu dir: „Ba ơi, test nào con cũng qua hết. Con tự thở được bình thường mà…“ Und als du ihn fest umarmtest, als du seine innere Unruhe spürtest, da wich die Spannung von ihm. Er sagte: „Không sao đâu, con sẽ dõi theo ba mẹ.“ – „Es ist okay, ich werde auf Papa und Mama aufpassen.“
Das ist kein billiger Trost. Das ist die Realität der Gemeinschaft der Heiligen. Benjamin lebt. Er atmet jetzt die freie, reine Luft des Himmels. Er hat alle Prüfungen bestanden. Er steht an der Seite des jungen heiligen Carlo Acutis beim himmlischen Gastmahl. Und von dort aus hält er seine schützende Hand über euch.
Lieber Ryan,
du vermisst deinen großen Bruder so sehr. Ihr habt zusammen trainiert, ihr habt zusammen im Auto gesessen und Snacks geteilt, ihr wart ein Team. Jetzt ist sein Platz leer. Aber ich möchte dir sagen: Benjamins Liebe zu dir ist nicht weg. Er ist jetzt dein ganz persönlicher Schutzengel. Wenn du heute lernst, wenn du Sport treibst, wenn du lachst – dann tu es auch für ihn. Er möchte, dass du ein starkes, schönes Leben führst. Er schaut auf dich herab und ist stolz auf dich. Du bist nicht allein.
Und ich wende mich an euch alle, die ihr heute von nah und fern mit uns verbunden seid. Besonders an die Familien, die ein ähnliches, schweres Kreuz tragen. An die Mütter und Väter, die um ihre Kinder weinen, und an alle leidenden Kinder auf dieser Welt. Unser Gott ist kein ferner Zuschauer unseres Schmerzes. Er ist der Gott, der mit uns dürstet. Er ist das Wasser, das in unsere rissige Erde fließt.
In Cà Mau, in Vietnam, fließt heute sauberes, klares Wasser aus einem Brunnen, der Benjamins Namen trägt: „Giếng Gioan Baotixita“. Was für ein wunderschönes Zeichen. Aus dem Schmerz über den Verlust eines geliebten Jungen erwächst eine Quelle des Lebens für Menschen, die Durst leiden. Bens Liebe fließt weiter, ganz real, in kaltem, klarem Wasser auf der anderen Seite der Erde. Das ist die Antwort Gottes auf den Tod: Er lässt das Leben neu hervorquellen.
Was können wir heute mitnehmen, wenn wir aus dieser Feier in unseren Alltag zurückkehren?
Was ist das kleine, konkrete Ding, das wir heute tun können, um diesen Gottesdienst in unseren Händen zu tragen?
Wenn ihr heute nach draußen geht und in den Himmel schaut, dann sucht nach einem Vogel oder einem Flugzeug. Haltet für einen Moment inne.
Blickt nach oben, weg von der rissigen, staubigen Erde eures Alltags.
Und denkt an Benjamin Vo. Denkt an sein Gekicher, als er von „Con Chim Airlines“ sprach.
Sprecht im Stillen dieses kurze, einfache Gebet:
„Herr, meine Seele dürstet nach dir. Schenke Benjamin die ewige Freude des Himmels. Und gib mir die Kraft, heute meinen Blick nach oben zu richten und darauf zu vertrauen, dass deine Liebe mich trägt.“
Und dann geht hin und tut heute eine kleine Tat der Liebe für jemanden, der traurig ist. Schenkt ein Lächeln, ein gutes Wort. Lasst uns die Quelle sein, die die rissige Erde des anderen ein wenig feucht macht.
Denn die Liebe ist stärker als der Tod. Sie verlischt niemals. Sie fließt weiter, bis wir uns alle wiedersehen im ewigen Licht des Himmels, wo jeder Durst für immer gelöscht sein wird.
Benjamin, du lieber, treuer Engel, fliege hoch im Licht Christi. Und wache über deine Familie.
Amen.
For the intentions entrusted to Ben on our prayer wall:
Dem Gebot des Herrn gehorsam und getreu seinem göttlichen Wort, wagen wir zu sprechen:
Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen.
Der Herr segne uns, er bewahre uns vor allem Unheil und führe uns zum ewigen Leben. Gehet hin in Frieden. Amen.
✝ Es segne euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.